Podcast

Wie bringen Daten die Kreislaufwirtschaft voran?

Das Wichtigste in Kuerze

  • Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit lassen sich zusammen denken, wenn man die Wirkung von Entscheidungen berechnet.
  • Material- und Energiefluesse sichtbar zu machen ist die Basis fuer bessere Entscheidungen.
  • Daten bringen oekologische und oekonomische Ziele in Einklang.
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Im Podcast Willkommen im Circular Valley spricht Dana Aleff, Mitgruenderin und Geschaeftsfuehrerin von Circonomit, ueber die Rolle von Daten in der Kreislaufwirtschaft. Circonomit macht Material- und Energiefluesse sichtbar und hilft Industrieunternehmen, nachhaltiger und zugleich profitabler zu entscheiden.

Bereinigtes Transkript. Sprecher: Philip Ketteler (Moderator, Circular Valley Podcast) und Dana Aleff (Mitgründerin und Geschäftsführerin von Circonomit).

Begrüßung und Vorstellung

Philip Ketteler: Herzlich willkommen zur heutigen Folge des Circular Valley Podcasts. Mein Name ist Philip Ketteler und ich darf heute wieder als fachfremder Moderator durch diese Episode führen. In diesem Podcast sprechen wir mit Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Unternehmen aus dem Circular Valley Umfeld und werfen dabei einen Blick auf Errungenschaften und Herausforderungen einer Circular Economy. Mein heutiger Gast ist Dana Aleff, Mitgründerin und Geschäftsführerin von Circonomit. Nach ihrem Studium des Maschinenbaus und der Produktionstechnik an der RWTH Aachen und ersten Forschungserfahrungen im Bereich Ökobilanzierung und nachhaltige Technologien gründete sie zunächst ein Startup mit Fokus auf Lieferketten und Produktstrategie. 2022 folgte dann Circonomit, ein datenbasiertes Unternehmen, das anderen Unternehmen hilft, ökologische und ökonomische Faktoren in ihre Entscheidungen einzubeziehen und dadurch bessere Entscheidungen treffen zu können. Erst kürzlich erhielt sie dafür eine Seedfinanzierung über 2,8 Millionen Euro. Darüber hinaus ist sie Fellow and Executive der Sigma Squared Society, einem globalen Netzwerk junger Gründerinnen unter 26. Ich freue mich sehr auf das Gespräch und begrüße Dana Aleff. Hi Dana.

Dana Aleff: Ja, einen wunderschönen guten Tag. Ich freue mich sehr, mit dir heute ein bisschen zu quatschen.

Was macht Circonomit?

Philip Ketteler: Das freut mich auch. Dann erzähl uns doch mal, was macht ihr da bei Circonomit? Wie funktioniert das Ganze?

Dana Aleff: Ich mag ganz gerne meinen Mitgründer, der sagt, wir bauen das strategische Gehirn der Firma, also wirklich zu verstehen, vorher durchrechnen zu können und sicher zu entscheiden, was hinten rauskommt. Damit bauen wir am Ende ein digitales Abbild der Materialströme, der Energieströme, der Finanzströme auf und sind so in der Lage zu verstehen, welche Prozessverbesserungen und Prozessoptimierungen am Ende sowohl ökologisch als auch ökonomisch, heißt finanziell, zu einem Mehrgewinn führen. Ich glaube, in zwei Worten: Wir quantifizieren Prozesse. Und wenn man es im amerikanischen Stil ausdrücken würde, dann bauen wir eigentlich einen ganzen Modellbaukasten, also wirklich einen Modellierungslayer der Firma auf einer Ontologie. Ist ganz spannend, können wir gleich noch ausführen, aber ich mache jetzt erstmal hier einen Punkt.

Excel, Miro und der Baustein-Gedanke

Philip Ketteler: Dann lass uns direkt einsteigen. Das grobe Bild haben wir, glaube ich. Aber erzähl gerne mal, wie funktioniert das ganze Spielchen?

Dana Aleff: Genau. Ich glaube, jeder kennt Excel, da fange ich gerne mit an. Wo ist Excel super drin? Excel ist sehr gut darin, gleiche Daten, das heißt zum Beispiel verschiedene Geldströme über die Zeit abzubilden, den Finanzplan kennt jeder. Und wo Excel so ein bisschen an die Grenzen kommt, und das ist genau da, wo wir reingehen, ist zu sagen: Wie kann ich jetzt wirklich operative Geschehnisse, Maschine fällt aus, es kommt zu einem Lieferengpass, wie kann ich das eigentlich über meine Wertschöpfungskette hinten auf das ökologische und auch auf das Finanzergebnis abbilden? Das heißt, wir bauen eigentlich so einen Baum über die Firma. Wie sieht das aus? Bei uns ist alles ein Baustein. Ich glaube, jeder kennt entweder Figma oder Miro, so ein Kollaborationstool. Und letztlich haben wir, auch an Excel aufbauend, dann dieses Miro gebaut, was rechnen kann, kann man sich so vorstellen. Man sieht einen Prozessablauf und da kann man jetzt nicht nur nette Bildchen hinterlegen und sagen, das ist die Maschine, sondern man kann da Zahlen, Fakten hinterlegen und so ganze Prozessketten durchrechnen. Ich glaube, wenn man sich das als Excel und als Miroboard, das rechnen kann, gemeinsam vorstellt oder einfach auf unserer Website guckt, dann weiß man: Das ist recht einfach in der Bedienung und kann übers Internet normal gesteuert werden.

Der Weg zur Gründung

Philip Ketteler: Sehr cool. Wie kam es denn dazu? Du hattest ja vorher schon ein anderes Startup gegründet. Gibt es das noch oder ist das eine ins andere aufgegangen?

Dana Aleff: Genau, Zweiteres, eins ist ins andere aufgegangen. Wie kam es dazu? Oh, das ist eine lange Geschichte. Ich glaube, damals mein Großvater schon, ich war immer mit dem in der Werkstatt, immer am Handwerken, und habe von meinen Eltern dankenswerterweise viel zu Achtsamkeit und was eigentlich um uns herum passiert gelernt. Wieso hole ich so weit aus? Ich glaube, rückwirkend hatte ich immer so eine Unruhe, Sachen und Prozesse zu verbessern und nicht einfach den Status quo zu akzeptieren. Ich war dann in der Energietechnik, war in der Produktionstechnik, und da ist mir aufgefallen, dass wir teilweise denkbar doofe Entscheidungen treffen, ohne dass wir das eigentlich wollen, weil wir die Rückkopplungseffekte von unseren Entscheidungen nicht verstehen: Das eine System bilanziert Geld, das andere System weiß irgendwie, oh, Maschine ist ausgefallen, das dritte System macht einen Produktfunktionsplan. Und eigentlich zu verstehen, wie diese Entscheidungen, die wir in Prozessen, in Wertschöpfungsketten treffen, was die am Ende für ein Ergebnis haben, und das aufzudröseln, damit wurde ich irgendwann besessen. Ich habe dann selbst in der Forschung realisiert, als ich für die großen Chemiekonzerne die Umweltdaten über die Wertschöpfungskette aufgebaut habe, dass wir einfach mit den Datenstrukturen an die Grenzen kommen, dass das ein Excel und ein SAP schlicht und ergreifend nicht abbilden können. Ich habe dann selbst programmiert und den ersten, halbwegs hart gecodeten Prototyp dessen gebaut, was es jetzt ist. Ich glaube, es war einfach aus Erfahrung lernen, intuitiv immer den nächsten Schritt machen, etwas verbessern zu wollen und zu merken, wo wir an die Grenzen kommen beim Entscheiden und bei den Datenstrukturen selber.

Zusammenspiel mit bestehender Software (SAP, DATEV)

Philip Ketteler: Super spannend. Wie funktioniert das Ganze denn im Zusammenspiel mit der Software, die in dem Unternehmen im Einsatz ist? Also nicht selten wahrscheinlich SAP.

Dana Aleff: Ja, genau. Ich platziere uns immer als Modul. Keiner braucht noch eine Silo-Software. Wir sind eher die Verkabelung dazwischen: In dem einen, im ERP-System, haben wir die Einkaufsdaten, haben wir die Stücklisten drin; im Energiedaten-Management-System wissen wir, welche Maschine wo steht. Bei uns ist die kleinste Einheit ein Baustein. Der hat erstmal einen Namen, nehmen wir zum Beispiel die Maschine Spritzgussmaschine XYZ, und dann hat die einen Wert und eine Einheit. Sagen wir, der Prozess braucht 7 Sekunden, dann ist die Einheit Sekunden, oder wir haben 10 Stück pro Palette in der Lieferung, dann ist Stück pro Palette die Einheit. So sind wir in der Lage, unabhängig davon, ob es sich um Energieinformation, Prozessinformation oder Produktinformation handelt, das erstmal digital zu repräsentieren. Und dadurch, dass wir mit Name, Einheit, Wert die kleinste Dateneinheit darstellen, sind wir in der Lage, aus jedem System die Informationen zu verrechnen und auch in das System wieder zurückzugeben. Das heißt, ganz wichtig: nicht noch ein Tool, sondern ein Modul. Wir können über Schnittstellen oder durch Excel-Importe und -Exporte aufs Modell mappen und es auch wieder dem Entscheider, da wo es landen soll, im nächsten System bereitstellen.

Philip Ketteler: Okay. Das heißt, die Person, die entscheidet, hat dann wahrscheinlich nicht zwingend was mit der Datenpflege zu tun. Also gibt es wahrscheinlich verschiedene Ansichten, Dashboards oder so?

Dana Aleff: Ich glaube, am Ende gibt es einen Geschäftsführer, der hat Interesse, dass sowohl die Operations, die Prozesse laufen, als auch die Finanzen. Wer dann unsere Zielpersonen sind, ist einmal die Person Operational Excellence und der Prozessverantwortliche, der operativ die Verantwortung trägt, und auf der anderen Seite der Controller zusammen mit dem CFO. Genau da gibt es im Zweifel den, der für die Daten zuständig ist, und dann am Ende die Entscheidungen. So setze ich eigentlich das Kopplungsstück aus operativen Prozessdaten und am Ende den Finanzen zusammen, wo wir Gott sei Dank, und das sage ich immer, durch die Standardisierung des Accountings durch DATEV schon relativ viele Informationen, also Bausteine, die das Unternehmen beschreiben, schon mal haben und daraus auch schnell die Modelle bauen können. Ich glaube, das ist immer ein guter Punkt, dass man manchmal doch mehr hat, als man eigentlich denkt. Dass es weniger um die pure Existenz der Daten geht, als wirklich zu sagen: Welche von diesen Daten sind jetzt entscheidungsrelevant und wie verknüpfe ich die? Verknüpfung, also Modellierung, ist das Spannende, und da kommen wir genau rein, und nicht wie ein Analysetool, das einfach sagt, oh, magische Datenmengen, hier der Insight, sondern am Ende durch ein explizites Modell. Das ist am Ende auch der Wert, an Szenarien rumspielen zu können und zu sagen: Woran hat es denn gelegen? Und wenn ich das jetzt hier ändere, im Produkt, im Prozess, was heißt das am Ende hinten im Ergebnis? So kann man es in beide Richtungen durchspielen.

Datenaufwand und Geschwindigkeit

Philip Ketteler: Wenn ich das richtig verstehe, ist aber das, was ihr dann leisten müsst, schon ein bisschen mehr als einfach nur eine Software zur Verfügung zu stellen. Es braucht ja einerseits die ganzen Schnittstellen, die du eben ansprachst, die wahrscheinlich nicht immer im Standard vorhanden sind. Und das andere ist die wichtige Frage, welche Daten müssen überhaupt alle rein? Wie arbeitet man mit euch zusammen?

Dana Aleff: Genau. Ich glaube, das Schnellste von wirklich Modell zur Entscheidung war im Minutenumfang. Das sage ich immer gerne vorweg, weil man dazu neigt, darüber zu reden, man braucht ja alle Schnittstellen. Und jetzt zitiere ich einen sehr weisen Prozessingenieur, der gesagt hat: Alle kommen immer mit ihrer Echtzeit. Am Ende des Tages brauchen wir die Daten in der Frequenz, in der wir wirklich auch steuern können. Das heißt, wenn ich eine Produktionsplanung mache, wo für eine Woche die Sachen festgeschrieben sind, dann ist es auch erstmal in Ordnung, die Daten in diesem Wochenzyklus einzufügen. Es hilft manchmal, weil wir immer in diesen Hype der Echtzeitdaten gehen, zu fragen: In welchen Frequenzen treffe ich eigentlich welche Finanzentscheidungen, welche Prozessentscheidungen, welche Produktentscheidungen? Jedes dieser Systeme hat meistens einen tabellarisch ähnlichen Export, den wir dann sehr einfach übersetzen können, sodass wir nicht über eine Vielzahl an Datenschnittstellen sprechen, sondern recht standardisiert und schnell nach dem Pareto-Prinzip die wichtigsten 80 Prozent der Informationen eher in Stunden oder Tagen als in Monaten oder Jahren reinbekommen. Das einzige Thema, wieso das nicht am gleichen Tag passiert, ist, dass man natürlich mit Recht auch immer ein paar Berechtigungsfragen hat. Aber ich sage immer: Daten, ihr habt immer meine Mission. Wir mystifizieren manchmal das mit den Daten so sehr; am Ende ist es auch nur ein Mapping zu sagen: Okay, hier habe ich die Produktinformationen, die werden so dargestellt, und im anderen System werden sie so dargestellt, sodass ich sie verarbeiten kann. Auch ein bisschen Angst zu nehmen vor dem Arbeitsaufwand. Ich glaube, das ist auch unsere Mission, nicht gegen das SAP, aber vielleicht auf einem SAP aufbauen und sagen: Okay, geht vielleicht auch anders. Wenn sich die Welt jetzt immer schneller entwickelt, müssen wir auch mit dem Modellieren und dem Entscheiden eher in den Takt kommen, wo wir in Tagen Entscheidungsmodelle aufbauen können, anstatt in Monaten oder Jahren, wie es teilweise aktuell noch dauert.

Philip Ketteler: Prima. Danke, dass du es gerade gerückt hast, weil klar, die Vorstellung ist, man muss an die ganzen Daten kommen, und gerade wenn man an SAP denkt, assoziieren wahrscheinlich viele Menschen jahrelange Einführungs- und Implementierungsphasen.

Ökologie und Kreislaufwirtschaft

Philip Ketteler: Der wirtschaftliche Nutzen liegt direkt auf der Hand, das kann man sofort nachvollziehen. Wo sind denn die großen ökologischen Vorteile? Welchen Zusammenhang hat das Ganze mit Kreislaufwirtschaft?

Dana Aleff: Das beantworte ich dir sehr gerne. Ein Gedanke, der mir noch kam, weil das immer der Anspruch an uns selber ist: nicht nur reden, sondern machen. Wie wir mit den Kunden vorgehen, ist: Wir bieten denen an und sagen: Hey, gib uns doch einfach ein paar Datenexporte, dass wir dir das wirklich einmal übersetzen und im Modell zeigen, also einfach Show, don''t tell. Denn wir wissen, wie andere Anbieter an den Markt gehen, die sagen, ach ja, kriegen wir viel besser hin. Das ist mir eine Herzensangelegenheit: Bevor man sich entscheidet, mit uns zusammenzuarbeiten, kann man einfach gegen eine NDA die Daten geben. Wir fügen die einmal in das Modell ein, man kann das wirklich einmal fühlen und sehen: Ah, was kann ich denn damit jetzt wirklich durchrechnen, welche Szenarien, bevor man den ganzen Rest anfängt anzuschließen. Da ist auch ein Werteversprechen: Aus historischen Daten kriegt man schon eine Menge raus, und daran kann man es zeigen. Und zu deiner Kreislaufwirtschaftsfrage: Ich beantworte sie immer ein bisschen philosophisch, aufgrund eines einfachen Aspekts. Wir betiteln das oft leider noch wie ein Entweder-oder, weil die guten Versuche der EU, das Umwelt- und Nachhaltigkeitsthema in die Entscheidungsfindung einzuführen, dann doch zu einem großen Compliance-Wahnsinn geworden sind, statt sich einfach mal hinzusetzen und zu fragen: Was war die Ursprungsdefinition von Nachhaltigkeit? Die war ja einfach: Man kann nur das nutzen, was auch nachwächst. Und wenn wir uns Lieferkettenresilienz angucken, ergibt Kreislaufwirtschaft einfach total Sinn: Wenn wir ein Produkt herstellen, dass wir dieses Produkt wieder zerlegen und zurück in den Kreislauf führen, anstatt es irgendwo auszulagern, weil irgendwann kommt vorne halt nicht mehr so stabil was nach. Das ist ein großer Risiko- und Kostenfaktor. So gehen wir rein, anstatt jeden belehren zu wollen, wie wichtig die Umwelt ist: Hey, komm, wir bauen mit dir die ganzen Bausteine auf, Produkt, Prozesse, Energie, Ressourcen, kleben da einmal ein Geldschild dran, kleben da einmal ein Umweltschild dran, und dann kannst du an deinen eigenen Bausteinen rumspielen und sehen: Wenn ich hier etwas verändere, dann hat das einen positiven Effekt auf beide Ergebnisse. Ich glaube, das ist einfach unser Herangehen: nicht jeden belehren zu wollen, sondern zu wissen, es gibt Leute, die werden auf den Finanzen gemessen, und es gibt Gott sei Dank Menschen, denen das mit der Umwelt vom Herzen wichtig ist. Einfach diese Rückkopplungseffekte und am Ende das Übersetzungslayer darzustellen: Was kostet mich jetzt diese Ressource in Geld, in Umwelt und in Risikofaktoren? Und dass die das wirklich einfach durchsimulieren können, also wie ein Spiel, das ist, glaube ich, meine Antwort auf die Kreislaufwirtschaft. Weil wir immer sehr abstrakt reden und teilweise sehr altruistisch da reingehen, und dann sagen andere Menschen, ach, der versteht ja eh nichts, die Wirtschaft muss ja auch laufen. Ich glaube, eine der größten Aufgaben ist zu sagen: Wie kriegen wir diese Übersetzung von der einen Kennzahl in die andere hin, runtergebrochen auf den Prozess und auf die heutige Entscheidung, dass ich sowohl vorher durchrechnen kann, was es für die Umwelt heißt, als auch, was es für die Finanzen heißt, und anhand meines eigenen Prozesses, meines eigenen strategischen Zwillings der Firma verstehe, so hängt das also zusammen. Nach dem Reden einfach ins Handeln zu kommen. Ich werfe inzwischen keinem Menschen mehr vor, in dieser ultrakomplexen Welt nicht alle Zusammenhänge zu verstehen. Unsere Aufgabe ist, einen Werkzeugkoffer dafür zu geben: Die Komplexität, die wir die letzten Jahrzehnte als Menschheit aufgebaut haben, wieder aufzudröseln, um diese Zusammenhänge überhaupt erstmal zu verstehen, bevor wir irgendjemanden auf der Geld- oder auf der Umweltseite verurteilen.

Ökologie und Ökonomie über die Zeit

Philip Ketteler: Finde ich sehr schön und auch sehr notwendig. Was ich mich gerade gefragt habe: Aus den Fällen, die ihr schon erlebt habt, wie häufig geht eine Verbesserung der Ökobilanz auch mit der ökonomischen Bilanz einher? Sind es tatsächlich Gegenspieler, wie es sich manchmal anfühlt, oder ist es am Ende das gleiche Ziel, nur von unterschiedlichen Punkten her?

Dana Aleff: Wenn man es ernsthaft macht, würde ich sagen, es ist in nahezu jedem Fall eine positive Wirkbeziehung zwischen Geld und Umwelt. Wo wir Menschen erdenklich schlecht drin sind, ist, dass wir durch das kurzfristig Notwendige manchmal das Langfristige übersehen. Wieso sage ich das? Weil wir bestimmte Dynamiken in der Firma, also in den Entscheidungsmodellen ökologischer und ökonomischer Natur, verstehen, wenn wir die Zeitdimension abbilden. Es kann sein, dass eine Entscheidung heute für das Geld und für die Umwelt gegenläufig ist, wir aber über einen Zeitverlauf verstehen: Ah ja, das war ein punktueller Effekt wegen zehn anderen Einflüssen, aber die mittel- und langfristige Korrelation geht eindeutig dahin, dass Ökologie und Ökonomie notwendig voneinander abhängen. Ich sehe das an unseren Modellen: Wir können keine absoluten Aussagen treffen. Deswegen diese Besessenheit, die wir mit den Modellen haben, weil am Ende jede Entscheidung, die wir treffen, ökologischer wie ökonomischer Natur, auf Prozessebene wie auf Finanzebene, immer eigentlich ein mehrdimensionales Optimierungsproblem ist. Es kann sein, dass zwei Stellschrauben anders sind und das Ergebnis völlig anders aussieht. Weswegen wir existieren, ist wirklich, auch auf der Gesprächsebene zwischen Geschäftsführern, Controllern und Prozessverantwortlichen zu sagen: Wenn wir über Verbesserung reden, über Stabilität, darüber, dass wir in 5 oder 10 Jahren alle noch hier sein wollen, dann müssen wir über die Zusammenhänge reden und nicht einfach nur über eine Zahl, die in einem Monat bei einer Kennzahl steht. Deswegen bin ich ein bisschen vorsichtig zu sagen, es ist immer so und bei den Firmen war es immer so, sondern eher dafür zu sensibilisieren, dass wir uns die Zusammenhänge über die Zeit angucken. Ich weiß nicht auf alles die Antworten, aber ich weiß, wie wir dahinkommen, die Zusammenhänge zu verstehen.

Philip Ketteler: Ergibt absolut Sinn, und ich hatte auch nicht erwartet, dass das immer auf den gleichen Punkt hinausläuft. Vor allem ist Zeit natürlich ein Faktor, und gerade kurzfristig wird es häufiger gegenläufig ausschauen, aber auf lange Sicht ist es besser. Und natürlich kann man nicht alles vorhersehen, externe Faktoren sind nicht planbar. Allein, dass man sich damit beschäftigt und sich über beide Ausprägungen bewusst ist, hat schon einen großen Wert.

Ökologische Kennzahlen

Philip Ketteler: Wenn wir uns das ökologische Thema anschauen, in welchen Kennzahlen macht ihr das sichtbar? Was wirft eure Lösung da aus?

Dana Aleff: Danke für die Frage, ich war gedanklich gerade schon wieder in unseren Einheiten. Am Ende, was ist Ökologie? Wir haben einmal die Ökobilanzseite, die rechnet in wilden Umrechnungsfaktoren von CO2-Äquivalenten, Kupferäquivalenten für Ressourcenverknappung und so weiter. Wenn ich jetzt jemanden habe, der Möbel herstellt, dann denke ich mir: Okay, die Ökobilanzkennzahlen sind am Ende gut, aber was wir wirklich brauchen, ist etwas, das wir im operativen Alltag umsetzen können. Bei uns können wir theoretisch alles als Einheit repräsentieren. Ganz fundamentale Sachen wie: Wie viel Kilogramm Abfall ist entstanden pro Kilogramm Produkt? Wie viel Ausschuss in Stück pro Gesamtproduktionsmenge habe ich? Wie viel Wasser habe ich in meiner Produktion verbraucht und außerhalb der Produktion? Wie viel CO2 — im Sinne davon, dass das meiste CO2, um es zu entmystifizieren, ja auch nur eine Summe an Gasen ist, wo man herausgefunden hat: Wenn die außerhalb der vier Wände in die Atmosphäre gelangen, ist das nicht so gut. Die verstecken sich hinter bestimmten Brennstoffen für die Energie oder einzelnen Prozess- und Prüfgasen. Dass man wirklich mal hingeht und sagt: Die Antworten hat man eigentlich schon in seinen Prozessen. Und das ist jetzt noch der letzte Teil auch zur Kreislaufwirtschaft, erstmal binär zu fragen: Jetzt habe ich da was hergestellt, kann ich das wieder in den Kreislauf zurückführen, ja oder nein? Sortenreine Kunststoffe kannst du rein von der Materialbeschaffenheit viel besser wieder einschmelzen, als wenn du einen Compoundstoff aus drei unterschiedlichen Materialien hast, die du untrennbar verbunden hast. Da gehen wir so ein bisschen hin: Wir kommen natürlich aus den Ökobilanzen, aber sagen: Kann jetzt der Möbelhersteller wirklich auf bilanzierten Kupferäquivalenten steuern? Nein. Worauf kann er aber steuern? Er kann darauf steuern, wie viel Kilogramm Holz am Ende des Tages weggeschmissen werden, im Verhältnis zu wie viel Kilogramm Holz er als Produkt ausgeliefert hat. Und so gehen wir von den Ökobilanzen, die wir durchaus mit den Umrechnungsfaktoren bilanzieren können, hin, uns wirklich pragmatisch mit dem Prozessverantwortlichen und den Geschäftsführern hinzusetzen und zu fragen: Was kann ich denn jetzt hier gerade steuern, was hilft mir wirklich zu messen? Und letztendlich unabhängig vom Betrachtungsraum alles als Einheit zu verrechnen, so wie die Beispiele gerade für Abfall, Wasser, CO2, Energie, Kilowattstunden pro Produkt, Kilowattstunden pro Produktionsstandort, Anteil an erneuerbaren Energien. Du kannst es dir wild in alle Richtungen zerlegen, wie du möchtest. Das ist genau unser Werkzeugkoffer.

Erfolgsgeschichten

Philip Ketteler: Sehr gut. Wenn du auf die letzten drei Jahre zurückblickst, gibt es Erfolgsgeschichten, von denen du konkret berichten darfst?

Dana Aleff: Ja, bestimmt. Die größte Erfolgsgeschichte war wirklich mit einem Kunden, einem Mittelständler der Region, binnen Stunden zu einem entscheidungsfähigen Modell gekommen zu sein, was seine Energie-, Ressourcen- und CO2-Verteilung auf seine Produkte anging. Und ein zweiter mit einem sehr großen Konzern. Ich glaube, ich darf das sagen, sonst kann man es auf der Website nachlesen, dass wir da wirklich mit einem Problem ankamen, wo die gesagt haben: Hey, das kann Excel nicht, das kann SAP nicht, wir haben verstanden, euer Baukasten kann das, können wir es umsetzen? Und wir hatten wirklich von diesem Konzern binnen Tagen die Unterschrift für einen Piloten, der 100 Prozent erfolgreich gelaufen ist, und haben wirklich für 1000 Varianten auf den einzelnen Ausprägungen der Produkte und Prozesse dieses Energie- und Ressourcenskelett aufgebaut, wo man am Ende sehr genau sagen konnte: Okay, wenn ich genau diesen Prozessschritt, zum Beispiel ein Prüfgas, mache, dann hat das effektiv den Effekt hinten auf mein Ergebnis, runtergebrochen auf mein Produkt. Das war einfach cool zu wissen: Wenn wir schnell umsetzen wollen, dann geht das, auch als deutsche Industrie, egal ob der Kleine oder der Große. Diese zwei Sachen sind mir sehr präsent, weil sie mir gezeigt haben: Manchmal machen wir uns das Leben schwer, und wenn man die richtigen Leute am Tisch hat, dann geht das sehr schnell.

Philip Ketteler: Sehr schön zu sehen, wie schnell es funktioniert. Kannst du auf Ergebnisebene sagen, das hat eine Verbesserung von X Prozent gebracht, ökonomisch oder ökologisch? Oder hast du den Schritt gar nicht mehr mitbekommen?

Dana Aleff: Doch, sogar. Es wurde ein Prozessgas ausgetauscht, und das hatte fast eine Größenordnung messbares Ergebnis auf sowohl die CO2-Bilanz als auch einen Kostenvorteil am Ende. Das war ein Prozess- und Prüfgas, das ausgetauscht wurde und ein so hohes Treibhausgaspotenzial hatte. Das war eine Sache, die mir jetzt wirklich in Blitzesschnelle im Kopf war.

Die Finanzierungsrunde und Vorwerk Ventures

Philip Ketteler: Jetzt seid ihr seit drei Jahren als Circonomit am Start und habt ganz frisch, herzlichen Glückwunsch, eine stattliche Finanzierung von 2,8 Millionen erhalten. Wie kam es dazu, wie seid ihr vorgegangen, und wer ist jetzt in Circonomit investiert?

Dana Aleff: Genau, den Lead hat Vorwerk Ventures gemacht. Ganz viel Wertschätzung wirklich an das Team. Die haben eine ganz tolle Ingenieurin drin, die in, ich glaube, Minute 1, 2 oder 3, wo wir geredet haben, direkt verstanden hat, was wir mit dem Datenmodell bauen, und auch wirklich ganz tief reingegangen ist, mit Controllern gesprochen hat, die schon in SAP vor ewigen Jahren ganze Prozessmodelle aufgebaut haben, und die sich wirklich eine These auf uns und auf die deutsche Industrie gebaut hat: Wenn ihr plötzlich ermöglicht, Modelle aufzubauen, Entscheidungsmodelle, dann gebt ihr den Menschen in den einzelnen Abteilungen wieder die Fähigkeit zurück, ihr Wissen über Prozesse zu übersetzen, und nehmt einen riesen Bottleneck aus diesem IT-Department raus und macht Europa wieder steuerungsfähig. Wie es dazu kam? Ich könnte jetzt eine tolle Geschichte erzählen, aber ich glaube, es waren einfach sehr viele Variablen, die vom Timing, von der Persönlichkeit, vom Fachlichen in wenigen Wochen sehr gut zusammengepasst haben. Am Ende war Vorwerk Ventures auch unser Favorit, eigentlich ab den ersten 5 Minuten, wo ich dachte: Da hat jemand blitzschnell die Technologie, das Potenzial, was wir da bauen, und auch unsere Vision dahinter verstanden. Okay, das ist eine Wette, die wir machen: Wir bauen eine horizontale Datenlösung, das ist extrem schwer im Go-to-Market. Und einfach auch sehr viel Wertschätzung uns gegenüber, zu wissen: Es gibt durchaus einfachere Businessmodelle zu bauen, aber wir brauchen auch diese schweren Businessmodelle. Uns dazu zu vertrauen und über sehr viele Gespräche thematisch tief reinzugehen. Mit denen fühlt es sich nicht so an, als würde ich einem Investor reporten, sondern als würde ich mit denen wirklich zusammensitzen und an unserer Company arbeiten. Und auch wenn Vorwerk Ventures eigenständig zu Vorwerk ist, ist da glaube ich schon einfach diese deutsche Mentalität, diese stabile Industrie, und wir wollen hier wirklich das Rückgrat unserer Industrie aufbauen. Das gibt mir Vertrauen, die als Investor zu haben. Und zwei ganz tolle Österreicher sind auch noch dabei. Ich glaube, es hat einfach geklappt: Vertrauen auf persönlicher Ebene, auf fachlicher Ebene, die Thesen, und zu wissen, dass wir uns gegenseitig am Tisch haben wollen, mit Ehrlichkeit und auch mit, hey, das sind Sachen, die schwer sein werden.

Philip Ketteler: Sehr cool. Wolltet ihr ganz gezielt nicht nur, in Anführungszeichen, Geld haben, sondern auch diesen fachlichen Austausch, oder war das das Add-on, das sich ergeben hat?

Dana Aleff: Ich glaube, kurz vorher waren wir eigentlich noch relativ offen, ob wir es aus dem Cashflow möglicherweise mit Angels weiter, so ein gecarriertes Bootstrapping, machen. Dann war uns aber klar: Okay, wir haben wirklich extrem viel Momentum, aber du baust mit zwei, drei Leuten keine riesen Datenlösung alleine. Das heißt, erstmal war in sehr kurzem Zeitraum diese Entscheidung, ja, wir machen jetzt eine große Finanzierungsrunde, und das hat sich in wenigen Wochen sehr schnell entwickelt. Die zweite Entscheidung: Wenn wir das aufbauen, brauchen wir jemanden, dem wir vertrauen können, da können wir keine halben Sachen machen. Beim Thema Intensität und Intuition glaube ich, du weißt, wenn das passt. Du sprichst mit jemandem und dann hast du einfach ein Bauchgefühl: Passt es menschlich, ja oder nein, passt es fachlich, ja oder nein? Und das ist immer relativ deckungsgleich mit dem Gegenüber. Vielleicht war es bei uns anders als bei anderen Finanzierungsrunden, aber ich glaube, es ist am Ende harte Arbeit, Gespräche zu führen, ein Mix aus Qualität und Quantität, und für uns war auch Ehrlichkeit wichtig: Manche Themen hatten wir deriskt, wo wir wirklich gesagt haben, okay, das haben wir gezeigt, und manche Themen, wie bestimmte Datenherausforderungen, die mit so einer horizontalen Datenlösung und auch mit dem Buying Center einhergehen, stehen einfach noch auf der Uhr. Da auch offen drüber reden zu können. Eine Sache, die du im Prozess merkst, in jedem Investment: Erst musst du den Gegenüber überzeugen, und dann merkst du irgendwann, wenn du mit dem Gegenüber gemeinsam an deiner Sache arbeitest. Und das ist mit denen vorgekommen, wo wir nach Due-Diligence-Gesprächen, die auf uns als Person und auf das Thema gemacht wurden, angerufen wurden. Da war es eher so: Ah spannend, da haben wir jetzt beide was rausgelernt. Ich glaube es einfach so: Du weißt, wenn du es hast.

Wie man eine Runde aufbaut

Philip Ketteler: Verstanden. Wie habt ihr die Finanzierungsrunde aufgebaut? Wie ist der Schritt für die Leute, die so etwas noch nicht gemacht haben?

Dana Aleff: Es ist am Ende erstmal zu verstehen: Was habe ich schon deriskt, also gezeigt, dass es funktioniert, und was brauche ich an Ressourcen, um den nächsten logischen Schritt zu machen? Bei uns waren das einfach sechs bis acht Kernpositionen, auch auf der Datenseite und auf dem Produkt, zu zeigen. Dann kann man es vereinfacht mit dem Dreisatz hochrechnen, was man in dem einen und in einem anderen Szenario braucht, und dann mit dem Gegenüber darüber offen sprechen. Wir haben diese Gespräche auch mit unserem Lead-Investor geführt: Okay, welches Geld brauchen wir für was? Und dann kommt der Punkt, wo man gemeinsam überlegt, macht man es ein bisschen kleiner, macht man es ein bisschen größer, weil die Personen ja auch ein berechtigtes Interesse haben, dich mit dem auszustatten, was als logische Ressource für den nächsten Schritt benötigt wird. Man muss sich einfach überlegen: Was habe ich schon gezeigt, was brauche ich im nächsten Schritt, und dann stringent, so kommt der Geldbetrag am Ende raus. Dann aber weniger auf einen fixen Geldbetrag fixiert, sondern: Hey, das sind die fünf, sechs Punkte, die wir glaube ich brauchen, und da steckt dieser Geldbetrag hinter. So dass man eher über die Strategie spricht und nicht einfach über eine randomisierte Zahl. Das ist ganz wichtig, weil manche mit random Zahlen ankommen, auch manche Gründer, mit denen ich spreche, und dann frage ich: Wie bist du zur Zahl gekommen? Ach ja, dachte ich, wäre so. Nee. Das einmal im Denken umzudrehen.

Philip Ketteler: Nachvollziehbar. Und dann habt ihr selber geguckt, wer als Investor in Frage käme, und Kontakt aufgenommen, oder wie sind die Kontakte zustande gekommen?

Dana Aleff: Wir haben relativ viele Kontakte. Man trifft Investoren über die Jahre, Investoren kontaktieren einen über die Jahre, und bei uns war es eigentlich: Wer kennt wen? Wir wurden vorgestellt, und das war wie eine Kettenreaktion. Wir sind jetzt nicht aktiv, manche machen das auch super gut, in der logischen Reihenfolge Tier C, Tier B, Tier A Investoren durchzurotieren. Bei uns hat es sich in wenigen Wochen sehr schnell entwickelt, einfach über gegenseitige Intros. Der eine Investor holt einen weiteren Investor ins Boot, oder der eine sagt: Hey, Gründerteam ist super, aber ist vielleicht nicht mein Themenschwerpunkt, ich kenne da wen. So hat sich das Momentum bei uns relativ schnell aufgebaut, wirklich auch ehrlich und thematisch schnell mit den Menschen zu reden.

Circular Valley und die Region NRW

Philip Ketteler: Wie seid ihr damals mit dem Circular Valley in Kontakt gekommen, und was hat sich daraus ergeben?

Dana Aleff: Wir sind ja hier in der Region, NRW ist unsere Heimat, ich bin hier geboren, und mit meinem Mitgründer habe ich hier in Aachen studiert. Es war einfach über das Netzwerk, dass wir davon mitbekommen haben. Was ich am Circular Valley sehr wertgeschätzt habe, ist einmal die Nähe zu den Industriefirmen, dass es nicht nur ein fiktiver Accelerator war, sondern dass sie auch die Vertreter aus der Industrie mit reinnehmen, sodass wir als junges Unternehmen direkt im Kontakt stehen. Und der internationale Fokus: Manchmal kennt man ja die Startups aus der Region schon, und da ist es spannend, von Unternehmen auch aus anderen Regionen zu lernen. Das waren am Ende zwei Gründe für uns.

Philip Ketteler: Und dann seid ihr durch den Accelerator gelaufen und mit verschiedensten Unternehmen in Kontakt getreten. Hat sich noch was Handfestes daraus entwickelt?

Dana Aleff: Wir arbeiten dran, ich kann noch nichts veröffentlichen, aber ich würde auf jeden Fall sagen, dass es in die positive Richtung geht, das Netzwerk hier in NRW zu nutzen. Ich würde dir gerne schon ein paar Namen verraten, aber es hat auf jeden Fall uns und glaube ich auch das eine oder andere Unternehmen aus der Region hoffentlich einen Schritt weitergebracht.

Philip Ketteler: Das klingt sehr vielversprechend. Bei der Finanzierung hatte das nichts miteinander zu tun, auch wenn Vorwerk Ventures im Circular Valley vertreten ist?

Dana Aleff: Genau, Vorwerk Ventures kam losgelöst vom Circular Valley, aber über Dreiecke führen irgendwie dann doch wieder alle Wege logisch zusammen. Am Ende ist alles ein Graph, ne?

Woher der Name Circonomit kommt

Philip Ketteler: Man könnte das fast zum Netzwerken verwenden, wer wen kennt und welche Synergien sich daraus ergeben.

Dana Aleff: Am Ende ist alles ein Graph. Du hast ja diese Statistik, ich glaube ausgerechnet zu Facebook, dass du über sieben Hops eigentlich jeden Menschen der Welt kennst. Deswegen meine ich auch: Vorwerk Ventures kam losgelöst über drei Kontakte von Sigma Squared, links und rechts herum. Mit ein paar Hops gibt es dann einen Full-Circle-Moment am Ende wieder. Am Ende ist alles ein Kreislauf, ein Graph und ein Kreislauf, Rückkopplungseffekte, ich sag''s dir. Das sage ich auch immer: Circonomit kam ja auch von Circular Economy IT, und Circular einmal im Sinne der Umweltsicht und einmal im Sinne der Rückkopplungssicht. Jede Entscheidung, die wir treffen, hat einen Rückkopplungseffekt. Wir Menschen haben unsere Prozesse teilweise sehr linear aufgebaut, auch unsere Entscheidungswege, und wundern uns dann am Ende des Tages, ups, ist ja doch anders gekommen. Diesen Was-wäre-wenn-Teppich aufzudröseln, daher auch das Circular.

Ausblick und Ziele

Philip Ketteler: Wenn du in die Zukunft guckst: Ihr habt jetzt Geld bekommen, aber wohin geht die Reise, was braucht ihr darüber hinaus, und was sind eure Ziele?

Dana Aleff: Ich sage immer: eskalieren. E hoch n, skalieren kommt von der E-Funktion, ist unser Running Gag. Das, was wir bauen, ist schon technologisch ziemlich anspruchsvoll, weil wir im Hintergrund eigentlich einen riesen Optimierer bauen. Wenn du fragst, wo es nach vorne geht: Es geht jetzt darum zu schauen, was von dieser Technologie, diesem riesen Modellierungslayer, die kleinste Einheit ist, die wir jetzt im Markt ausbreiten, um dann R&D-Kapazität auf den Deeptech-Teil der Technologie zu verwenden. Wie schauen wir, dass alles, was R&D ist, nicht den Fortschritt heute blockiert, wir aber mit dem Fortschritt heute nach vorne kommen, um dann diese R&D-Kapazität auch monetär und zeitlich mit einem Teil des Teams freizumachen. Damit geht sicher noch eine Investition einher. Es ist einfach sehr präsent, dass das, was wir für heute haben, für die Firma einfach ist, aber wenn wir hinten die ganze Mathematik über die Zeit nachziehen, dann kann es schon beliebig wild werden. Das ist das Motivierende, aber da muss man sich nichts vormachen: Das braucht mehr als fünf schlaue Köpfe, auch mehr als zehn, wahrscheinlich mehr als 50 oder 500.

Philip Ketteler: Du denkst in ganz anderen Größenordnungen.

Dana Aleff: Es ist wirklich eine Technologie, wir werden schon oft mit dem europäischen Palantir verglichen. Ich bin da sehr demütig, die haben 20 Jahre vorher gestartet und sind extrem groß, auch mit den Daten. Wir kommen ein bisschen aus einer anderen Sicht: Die machen aus Daten gelernte Zusammenhänge; bei uns ist es spannend zu sagen, manche Sachen sind auch noch gar nicht in Daten vorhanden. Wie könnten wir auch das Wissen der Menschen am Ende in das Modell übersetzen? Aber da kommen so viele Edge Cases am Tag rein, das wird wirklich noch beliebig wild. Groß denken, ja, aber auch logisch gedacht: So eine Technologie entwickelst du nicht nur mit ein paar Menschen.

Philip Ketteler: Wie viele seid ihr aktuell?

Dana Aleff: Acht sind wir jetzt. Ein paar der Leute aus dieser Finanzierungsrunde waren schon da. Jetzt gucken wir Richtung Daten, wie schnell es zur nächsten Runde kommt, und finden erstmal die Projekte und die Produktführung von unserem Baukasten 2.0. Die Ausgänge, wie es im nächsten Jahr weitergeht, sind noch offen, ob so, wie wir jetzt ausgestattet sind, oder ob wir nochmal einen Sprung, schneller als gedacht, machen.

Philip Ketteler: Spannend. Ich merke, wir kommen an die Punkte, wo du noch nicht so viel berichten möchtest oder darfst, das ist vollkommen legitim. Aber als Fazit können wir mitnehmen: Es lohnt sich auf jeden Fall, euch zu beobachten.

Dana Aleff: Auf jeden Fall. Und immer eskalieren. Mir liegt das mit der deutschen Industrie wirklich am Herzen, dass wir das hinbekommen, für ein stabiles Europa, für das Rückgrat, das uns auch ausmacht, das das Circular Valley ausmacht. Von der Angst, von der Unsicherheit ins Handeln kommen. Ich weiß, dass wir mit unserem Modellbaukasten einen guten Werkzeugkoffer entwickelt haben und weiterentwickeln, und da freue ich mich einfach. Finanzierung super, aber auch wirklich auf die gemeinsame Umsetzung mit den Unternehmen der Region, auf die Veränderung, die daraus resultiert. Einfach machen, machen und weitermachen.

Sigma Squared Society

Philip Ketteler: Ich hatte es im Intro schon gesagt: Du bist Fellow und Executive der Sigma Squared Society. Was bedeutet das genau, was tut ihr, und für wen wäre das vielleicht etwas?

Dana Aleff: Sigma Squared ist am Ende eine Not-for-Profit-Organisation mit einer vom Herzen echt schönen Mission: Was ist, wenn die Leader von morgen 10 Jahre vorher die besten Freunde wurden? Was wir mit Sigma geschaffen haben, ist, sehr junge, sehr ambitionierte Menschen zu versammeln. Wir haben jetzt auch in Afrika, in Asien und in Amerika die Chapter aufgebaut in den letzten ein, zwei Jahren, dass man mit Gleichgesinnten Sachen umsetzt. Was ich so schön finde: Es ist am Ende eine Not-for-Profit, wie ein riesiger Verein weltweit an jungen Unternehmen, und wir haben es wirklich geschafft, dass erst die Freundschaft kommt und dann das Business. Ich habe da meine besten Freunde gefunden, wirklich über tiefe Gespräche. Wir nennen das immer Sigma Magic. Und dann merkt man, ach, verrückt, wir arbeiten ja an ähnlichen Sachen, können uns ja mal helfen. Das ist recht besonders in dem Verein, dass es nicht so transaktional ist, sondern ein bisschen vom Herzen kommt. Für wen ist das? Für alle jungen Unternehmen unter 26. Ich bin zwar leider inzwischen nicht mehr unter 26, aber das ist so ein bisschen das Eintrittskriterium. Irgendwann wird man in einen Alumni-Verein verschoben, mit Spaß gesagt. Es geht darum, dass sehr junge Unternehmerinnen und Unternehmer ein Zuhause finden, wo es vielleicht noch nicht überall in der Gesellschaft typisch ist, dass jemand mit 18 sein eigenes Unternehmen baut. Dass der sagt: Cool, da habe ich zehn weitere, die ich in meinem Land, in der Region, in meinem Themengebiet anrufen kann, die genauso verrückt sind wie ich.

Philip Ketteler: Und bist du quasi Teil der Gründungsgeschichte, ist das in Aachen entstanden?

Dana Aleff: Damals gab es schon Kairos, das ist glaube ich ein Mix aus Amerika und Deutschland. Ich will nichts Falsches sagen, aber nein, ich war nicht Teil der Gründungsgeschichte. Es war eine Gruppe, die sich immer weiter ausgebaut hat. Wir haben ein relativ strenges Bewerbungsverfahren, also ein Schriftliches, das von vielen angeschaut wird, dann drei Interviewstufen, auch wirklich ethisch gut, würde ich sagen. Es gibt mehrfach im Jahr Bewerbungszyklen, und in einem dieser Zyklen war ich drin. Gott sei Dank haben sie mich akzeptiert, und dann habe ich mich da engagiert, und deswegen bin ich jetzt in der leitenden Position und habe die Ehre, mir wunderbare junge Unternehmen aus der ganzen Welt alle Jubelmonate wieder anzuschauen, von denen zu lernen, etwas zurückzugeben und gemeinsam gute Projekte umzusetzen. Wir verlinken das einfach mal in den Shownotes.

Kontakt und Zielkunden

Philip Ketteler: Vielen herzlichen Dank, das war eine total spannende Geschichte. Wenn jemand Interesse hat und sich mit euch austauschen möchte, wie kann man am besten mit euch in Kontakt treten, und für wen wäre es das Sinnvollste, sich zu melden?

Dana Aleff: Ganz oldschool haben wir noch eine Telefonnummer auf der Website, da kann man ganz oldschool anrufen, das mögen wir gerne. Ansonsten E-Mail einfach an hello@circonomit.com oder dana@circonomit.com, oder direkt über LinkedIn, da sind wir alle gut zu erreichen. Wer sich bei uns melden sollte, ist im Zweifel jeder Unternehmer, der ein paar Entscheidungen oder Planungsweichen hat und sich fragt, wie er seine Prozesse verbessern kann, insbesondere natürlich die produzierende Industrie, also das Rückgrat unseres Mittelstands. Firmen, die viele verschiedene Teile und Produkte haben, Metall, Kunststoff, das, was man so als produzierenden Mittelstand in Deutschland sieht, das sind unsere Hauptzielkunden. Wir kriegen aber auch sonst Anfragen, die wir mit dem Modellierungsbaukasten abdecken können.

Philip Ketteler: Investoren haben wahrscheinlich auch zugehört und potenzielle Mitarbeitende, die euch mit der Mathe weiterhelfen wollen.

Dana Aleff: Sehr gerne. Menschen, die Lust haben auf Ontologie und große Datenmengen aus dem Retail, aus dem Supply Chain. Wenn man sich anguckt, wie viele Datenpunkte so ein Sprachmodell hat, und wir ja effektiv den Werkzeugkoffer für das Mathemodell der Firma bauen, dann sehr gerne auch diese Menschen. Davon brauchen wir über die Zeit echt ganz viele tolle Menschen. Wir haben gutes Talent hier rund um die technische Uni, auch in Köln, aber schlaue Menschen gibt es nie genug.

Philip Ketteler: Du hast die ganze Zeit von Aachen gesprochen, Köln aber auch erwähnt. Ich habe gelesen, ihr sitzt in Köln. Wie ist das genau?

Dana Aleff: Genau, ist richtig. Wir kommen aus Aachen, da ist auch immer noch unser Herz mit der Region verbunden. Wir sitzen jetzt im Mediapark in Köln. Ich sage immer, für mich ist NRW als Standort, die Wege sind ja auch kurz.

Philip Ketteler: Dana, vielen, vielen Dank, mir hat es große Freude gemacht, dass du uns so viele Einblicke gewährt hast. Ich hoffe, verschiedenste Menschen melden sich bei dir, vor allem die guten Mathematikerinnen und Mathematiker, die ihr noch braucht, und natürlich auch Geldgeber und Kunden, so dass das Ganze wachsen kann.

Dana Aleff: Ich danke dir für deine Zeit.

Philip Ketteler: Liebe Hörerin, lieber Hörer, ich hoffe, für euch war es auch spannend und ihr konntet etwas mitnehmen. Nehmt auf jeden Fall Kontakt auf, die wichtigsten Eckdaten packen wir in die Shownotes. Wenn ihr mehr über das Circular Valley erfahren möchtet, besucht circular-valley.org. In diesem Sinne, lasst uns den Kreis schließen. Bis zum nächsten Mal und auf Wiederhören, wenn es wieder heißt: Willkommen im Circular Valley.

Über die Sendung

Willkommen im Circular Valley

Der Podcast fuer die Kreislaufwirtschaft.

Circular Valley

Zu Gast

Dana Aleff

CEO und Mitgründerin, Circonomit

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